Erwischt vom berühmt/berüchtigten patagonischen Wind

Do.17.3.16

Heute zeigt das Barometer schon beim Aufstehen Regen an und als ich aus dem Zelt blicke, drohen dunkle, graue Wolken gleich dort drüben. Da es noch trocken ist, packen wir lieber erst das Zelt ein. Aber es bleibt trocken und so gibts doch noch Kaffee. Heute soll es ein paar mehr Kilometer geben und wir sind schon um halb 10 auf tour.

Aber zu früh gefreut: Er hat uns gefunden – der berühmt/berüchtigte Wind von Patagonien. Viel haben wir davon gehört in den Vorträgen, die wir vor unserer Reise gehört haben. Geschmunzelt und gestaunt haben wir über die Berichte. Aber jetzt erst weiß ich, was jeder einzelne erzählt hat. Jetzt hab ich es selbst „erfahren“. Wir fahren 100-e km in Schräglage geradeaus. Ständig zerrt und rüttelt der Wind am Helm, als ob er ihn ausziehen wolle, so dass die Ohren lang werden. Die Schläfen werden abwechselnd eingedrückt, je nachdem von wo der Wind kommt und man ist froh, wenn mal nur einen Moment lang der Helm einfach seiner Schwerkraft folgend auf dem Kopf aufliegt. Trotz winddichter Jacke und zusätzlichem Langarmshirt und Alpacajacke ist einem bei 17 °C schweinekalt, denn der Wind findet die bestmögliche Angriffs- bzw. EINGRIFFSmöglichkeit. Er nimmt einfach das größte Loch, nämlich das von unten. Er hebt die gesamte Jacke an und füllt sie mit kalter Luft. Brrrr.

Immer schön auf der Straße bleiben, ist das oberste Ziel. Wir eiern um die Wette, so als ob man zu tief ins Glas geschaut hätte. Einmal macht M. einen Schlenker auf die Gegenfahrbahn (es kam zum Glück keiner) und obwohl ich mich drauf einstelle und dagegen halte, ist es mir nicht möglich, auf meiner Spur zu bleiben, so stark ist die Böe. Der Wind kommt von rechts und die Straße geht nach links. Heißt: Weiter nach links lehnen, damit man nach rechts um die Kurve fahren kann. Hört sich verrückt und kompliziert an. Aber zum Glück macht das Gleichgewicht vieles automatisch, sonst wäre ich wohl schon längst vom Mopped gefallen…

Eine Baustelle kommt – Umleitung. Mist! Bei DEM Wind kommt da erst recht „Freude“ auf. Weiche Schotterspuren. Da muss man gut zielen, aber bei dem Wind eiert man ständig an den Rand der Kanten und das Vorderrad droht umzuschlagen. Dann noch Gegenverkehr, wo man die spur nicht frei wählen kann. Ich krieg die Krise. Kann der Wind nicht mal diese 10 km aufhören??? Kann er natürlich nicht – ein kleiner Vorgeschmack auf morgen, wenn dann 70 km Piste auf uns warten. Ich freu mich schon! Aber wie immer, wenn ich Angst vor etwas habe: Ich schiebe sie auf Seite und kümmere mich drum, wenns soweit ist.

Statt dessen sehe ich viele Guanacos, die z. T. auf der Straße stehen und uns ob des Gegenwindes nicht wittern und so erst sehr spät wahrnehmen. Natürlich reagieren die dann in Panik und wir müssen extrem gut aufpassen, ob sie auch wirklich auf beiden Straßenseiten bleiben, oder doch noch zurück auf die andere Seite wollen. Außerdem haben wir einige Laufvögel gesehen, die aussehen, wie kleine Emus und einige Gürteltiere. Die habe ich mir allerdings viel größer vorgestellt, sind sie doch nur unwesentlich größer als Igel. Hier isst man sie sogar. Allerdings weiß ich nicht, ob man sie einfängt oder züchtet. Sie würden so wie Schweinefleisch schmecken, nur viel leckerer. Na,  ich habs noch nicht probiert.

Auch wenn das Tankstellennetz gut bestückt sein soll, so nehmen wir jede Tanke, die wir sehen. Auch nach 170 km schon wieder. Sicher ist sicher. Erfahrungen aus Alaska sei Dank. Aber viel mehr macht uns das Bargeld Sorgen. Die Banken haben hier 2 Systeme: Das Link-System und das andere. Bei ersterem gibts kein Geld, die Automaten können mit allen Karten (auch Kreditkarten) nichts anfangen. Das kommt dann leider auch flächendeckend vor, so dass es rein gar nichts nützt, einfach zum nächsten Automaten zu gehen. Da gibts dann tagelang kein Geld. Haushalten heißt es da. Wie gut, dass ich noch so viele Chilenische Pesos und Dollars habe, die ich eintauschen kann. Als ob ich es geahnt hätte. In Bolivien hab ich ja damit gerechnet, aber nicht mehr in Argentinien.

Deshalb lassen wir Perito Moreno (die Stadt, nicht der Gletscher, der erst ca 800 km weiter südlich zu finden ist) sausen und nehmen kein Hotel, sondern suchen wieder eine Stelle zum Wildcampen. Aber es windet furchtbar und es gibt keine windgeschütze Stelle, da alles Weideland eingezäunt ist. Aber direkt am See „Buenos Aires“ gibt es eine Touri-.Hacienda, die noch auf hat, auch wenn gerade gar keine Saison ist. Ein wunderschönes Plätzchen, oder besser riesiges Areal und hinter den Bäumen auch windgeschützt.

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Der Lago „Buenos Aires“ an der Ruta 40, da gibt es bestimmt einen Weg zum Strand.

Der Besitzer lässt uns für annehmbaren Preis zelten, schließt uns ein Häuschen zum Duschen auf und „befiehlt“ uns, in die Kabine zu gehen, wenn es heute Nacht regnen sollte. Er würde nachschauen kommen, also Ausflüchte gäbe es keine. Echt nett.

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Ab an den See, wie wir wieder durch den Sandweg zurückkommen, sehen wir später – Endlich da.

Zuerst gehts mal mit den Moppeds an den See. Der 1 km wäre (angeblich) nicht sandig, hat es aber ordentlich in sich: 200 m lang eine 30 cm tiefe und breite zackige Wasserauswaschungsrinne. Rechts und links daneben Sand. Rutscht man in die Rinne, muss man bis unten hin drin bleiben, raus geht dann nicht mehr. An einer Stelle kommt man noch mit rollen lassen runter. Unten „empfängt“ dich Sand. Ich weiß schon jetzt, hier gibt es nur eine 20 cm breite und 2 m lange, sandige Schneise, um wieder rauf zu kommen. Wenn ich die nicht treffe oder wegrutsche, sind meine Füße zu kurz und ich kippe kopfüber in die Tiefe. Aber darüber mache ich mir erst wieder Gedanken, wenn ich zurück will. Erstmal die vielen Tiefsandpassagen meistern. Endlich am See überschlagen sich die 1-2m hohen Wellen. Man fühlt sich, wie am Meer. Gischt spritzt hoch. Es ist s_ _ -kalt und die Sonne geht grade unter und leuchtet die Wolken gegenüberliegend rot an.

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Noch ein paar Schritte und wir sind da.

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Nein, wir sind nicht am Pazifik, dass macht alles er Wind!

Wow! Wir trinken schnell einen O-saft und machen uns lieber wieder auf den Weg zurück. Nicht dass wir hinterher vor lauter „nix mehr sehen“ doch noch im Graben landen. Alle Schwierigkeiten kann ich mit kurzen Konzentrationspausen meistern und endlich sind wir wieder zurück. Eigentlich wollte ich einen Tee oder Kaffee machen, aber es gibt einen Stromausfall und weder Licht noch Wasser (die Pumpe funzt ohne Strom nicht). Also besorgt uns der Besitzer erstmal eine Notlampe und versucht irgendwie wieder an Strom zu kommen. Macht nix. Wir sitzen geschützt, wenn auch im Dunkeln. Aber wir haben ja alles, was wir brauchen. Bald gehts ins Bett, da brauchen wir dann auch keinen Strom mehr.

Gute N8

VGB

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