Engineer-Pass: 2. Versuch

Fr. 9.10.15

Nachtrag: Gestern Abend sind wir 2 std. lang durch die Dunkelheit gefahren. Dabei hatten wir immer die Straßenränder im Blick wegen der „dears“. Da diese Rehe größer und dicker als in Europa sind, sollte man den Kontakt mit ihnen tunlichst auf den Teller beschränken. Aber hier sind diese Tiere irgendwie abgebrühter als auf der anderen Seite des Kontinents. Sie bleiben stehen, reagieren kaum, höchsten mit Kopf heben. Auf der Straße gehen sie zumeist gemütlich auf Seite. DAS lässt sich gut einschätzen. Zumeist. Klar, man kann sich nicht drauf verlassen. Gestern Abend sind uns bestimmt 10 mal Viecher am Straßenrand oder auf der Straße begegnet oder in die Quere gekommen, auch heute wieder 4 mal, vor allem kommen die ja nicht einzeln, sondern immer in Horden von mindestens 3 vor. So viele Rehe an einem Tag hab ich in meinem ganzen europäischen Verkehrsleben noch nicht zu Gesicht bekommen.

Der Enginieer-Pass:

Foto

Felsengesteinsstufen runter

Felsengesteinsstufen runter

Da wir gestern ja umdrehen mussten, haben wir heute einen 2. Versuch gestartet, diesmal von der anderen Seite aus, direkt aus Lake City aus. Er lässt sich zunächst in herrlichen Ausblicken sehr gemütlich an. Capitol City erreichen wir – es gibt tatsächlich ein neu gebautes Haus in diesem aufgegebenen Ort, der sich mal Hoffnung machte, die Hauptstadt von Colorado zu werden. (Ist aber leider Denver geworden.)

noch lächelt sie...

noch lächelt sie…

Dann geht’s bergan, alles zu meistern, auch wenn es steil, steinig und schottrig, manchmal eng in Kehren ist. Fast oben – es fehlen nur wenige Höhenmeter zu den 3918 m – da macht der vorgestern gefallene Schnee mir einen Strich durch die Rechnung. Es ist sooooo matschig. Mit abgefahrenen Straßenreifen ein no-go! Ich meine damit auch no-go! Patsch! Da lag sie wieder. Ich hab noch gesehen, wie mein Vordermann schlitternd durchfährt, ich versuche es mehr rechts, da scheint es trockener zu sein, war aber ein Trugschluss. Es war genauso tief und matschig. Links war es fest und dorthin lenke ich gerade rechtzeitig M. Natürlich kommt er Bilder machend wieder runter. Gute Miene zum bösen Spiel: ICH hab gewonnen, denn ICH liege ja NICHT im Matsch!

Sonderlackierung: die neue Trendfarbe

Sonderlackierung: die neue Trendfarbe „Mud“ – nur für Auserwählte

Matschepampe

Matschepampe

Schnell ist sie aufgehoben, auf die andere Seite geschoben und M. fährt sie nach oben. Es bricht mir kein Zacken aus der Krone, wenn ich die paar Meter nicht selber gefahren bin. Oben machen wir die obligatorischen Bilder und genießen die herrliche Aussicht bei herrlichem Wetter. Diese Farben, diese Berge und Täler, diese Weitsicht! Und rundherum ist Schnee. Wir haben die Schneegrenze schon überschritten und entscheiden uns deshalb, lieber nicht den Cinnamon-Pass zu fahren. Der wird wohl genauso matschig sein, wie das letzte Stück. Falsche Reifen! Lieber nicht. Statt dessen gehts um den Berg herum auf die andere Seite noch ein Stück bergauf durch Schnee, steinigen Matsch und Pfützen. Wow! Welches Erlebnis. Die weißen Berge sehen unglaublich aus! Aber die Zeit drängt, es ist schon wieder spät, lass uns runter fahren.

Kurz gefasst: Dies war der höchste, aber bisher auch schwierigste Pass in unser beider Moppedleben – fast 4000 m.

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Es ging gebirgig felsig, steinig, abwärts, immer mit dem Abgrund im Blick, teilweise mussten wir trailmäßig die Steinstufen runterklettern, mit Koffergewicht und fast abgefahrenen Straßenreifen, Kupplung ziehend, vorne und hinten bremsend langsam balancierend 200 m von einer Kehre zur nächsten. Wenn man zu schnell wird, kann man in der Kehre nicht mehr bremsen und schießt über das Ziel hinaus. Also schön höööösch!  Dies war ganz sicher Level 6 und ich habs erreicht. Selbst lange Spuren am Abgrund entlang folgend habe ich gemeistert, was bei meiner Höhenangst nicht leicht ist. Lieber nehme ich die Innenseite des Weges und dabei die schwierigeren Wege in Kauf. Aber manchmal ist das wirklich so riskant, dass die Spur am Abgrund wirklich „leichter“ zu fahren ist. Aber nach Deadhorse in Alaska ist mein Fahren in Spurrillen so gut geworden, dass es mir mehr und mehr gelingt, mein Nervenflattern und Herzrasen zugunsten von Konzentration und Selbstbewusstsein zurückzudrängen. Nur an 2 Kehren habe ich gekniffen. Mit meiner alten GS, die ich in und auswendig kenne und die etwas niedriger ist, wäre ich wohl gefahren. Aber ich hatte gestern schon einen Sturz, bei dem ich mir das rechte Knie wehgetan habe, und heute wieder, wo ich gleich neben der gestrigen Stelle nun einen dicken blauen Fleck kassiere. Ich habe mich von meinem Helden retten lassen. Er hat jetzt einen Level mehr als ich und ich brauche niemandem zu beweisen, wie gut ich Motorrad fahren kann, am wenigsten meinen Mitfahrern. Lieber sicher und heil runter, als alles zu fahren und zu scheitern. (Das ist eh Üben in die falsche Richtung und müsste ich mühsam in vielen Trainings wieder aufbauen).

Dies war ein wunderschöner, anstrengender Tag, den wir  – Dank Jeff – niemals vergessen werden. Ohne ihn wären wir sicher nicht hierher gefahren und auch sicher nicht den Pass. DEN hätten wir uns alleine nicht getraut. Er war unser Trumpf. Sein Können und zur Not seine Bärenkräfte waren unser Netz und doppelter Boden. Wir hätten herrliche Erlebnisse und Erfahrungen verpasst. Danke Jeff, für all deine Geduld. Du musstest oft und lange warten, bis wir endlich Bilder gemacht oder schwierige Stellen gemeistert haben.

Wir kommen wieder! Dann richtig im Schnee. Diese berühmten Berge ganz in weiß mit Skiern, DAS kennen wir noch nicht und wird auf unsere ToDoListe hinzugefügt.

Viele Grüße an alle Daheim

B.

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