2 x ½ = 1 Ganzes

Mo, 15.2.16

Heute ist er fällig, der Camino de la muerte. Viel haben wir darüber gelesen und gehört und wir wollen ihn auch bezwingen.

Aber vorher müssen wir erstmal bei herrlichem Sonnenschein über den Pass auf 4600 m. Gleich nebenan soll der Chacaltaya sein mit 5400 m. Den würde ich auch gerne mitnehmen und die 5000 – m – Marke knacken. Aber mein Navi will nicht daher, wo M’s Navi uns herschickt. Selbst nach mehrfacher Neuberechnung nicht. Na, wenn das mal nicht ein schlechtes Zeichen ist.

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Ausflug zum Chacaltaya

Wir biegen von der Teerstraße nach links ab und uns empfängt ein schlechter, schmaler Weg. Mountainbiker bereiten sich auch gerade drauf vor. Meine Lust verfliegt und nur der Wille, die Marke zu knacken, bezwingt den inneren Schweinehund. Matschig, grobsandig und steinig/felsig gehts Stück für Stück weiter hoch. Bis auf 4800 m und dann sagt M’s Navi noch 11 km Luftlinie. Sollen wir fliegen? Es gibt hier mehrere Abzweigungen, aber keine Schilder. Aufs Navi verlassen wir uns schon lange nicht mehr und Karte ebenso wenig. Lieber Himmelsrichtung und Bauchgefühl. Mein Bauchgefühl schwenkt eh schon seit langem die weiße Fahne und M’s jetzt auch. Lieber umdrehen und vielleicht morgen von der anderen Seite her probieren – wenn denn das Wetter mitspielt.

So machen wir uns also von 4800 m auf zum berühmt/berüchtigten Camino de la Muerte – eigentlich Jungas-ruta oder Camino de las Jungas – und es geht permanent runter bis auf 1200 m. Fast wären wir dran vorbei gefahren. Ein Schild warnt vor der „death road“ und man möge sich bitte links halten. Hier herrscht nämlich Linksverkehr, damit die Autofahrer auch immer schön am Abgrund entlang fahren und sehen können, wenns brenzlig wird.

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In 3200m Höhe beginnt das Abenteuer….

Eigentlich soll die Straße nur in eine Richtung befahren werden, aber es kommen andauernd kleine Büs-chen entgegen. Ich soll links dran vorbei und das fällt mir verdext schwer. Aber ich habe gelernt, nicht runter zu sehen und so geht es ganz gut. Eigentlich ist der Weg auch gar nicht so schwer zu fahren, Schwierigkeitsgrad 3, oder 4 gelegentlich – wenn, ja wenn nicht das Wissen um die steilen Abhänge wäre. Man muss konzentriert fahren und so lassen wir unsere Mädels brav runterhoppeln. Wir haben es ja nicht eilig. Dafür werden wir mit herrlichen Ausblicken belohnt, mit Wasserfällen und mit tiefen, engen Schluchten.

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Immer am Abgrund entlang, hier hat es früher – vor dem Bau der Umgehungsstraße – jährlich im Schnitt 300 Tote gegeben.

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Waschstraße im Grünen

Hier kann man sogar klitschnass werden, ohne dass es regnet. Wir müssen nämlich unter einem Abhang drunter her, wo oben drüber das Wasser herunterstürzt. Es ist, als ob dir jemand einen vollen Eimer Wasser über den Kopf schüttet. Patsch. Mit Schwung durch und innerhalb von nur 1 Sekunde triefend nass. DAS hätte ich auch nicht gedacht. Na, die Temperatur ist ja mittlerweile auf 18 Grad gestiegen und es wird zunehmend wärmer. Trocknen wir das eben wieder beim Fahren.

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…und das Ergebnis

Denkste!

Auf halben Weg (bei 2200 Höhenmetern) ist der Weg plötzlich zugeschüttet und ein paar wartende Amerikaner warnen uns. Hinter der Stelle arbeiten fieberhaft 2 Männer und eine Einheimische schaut zu, während danach 2 (leere) Busse unterschiedlicher Größe stehen und warten. Na, das kucke ich mir mal selber an. Die Stelle ist gar nicht so schwer, mit dem Mopped zu bezwingen. Aber die Frau warnt mich auch. Diese Stelle hier sei vielleicht noch mit Motorrädern zu meistern. Wie schwer die denn seien? Aber die nächste nicht mehr. Selbst die Mountainbiker würden ihr Rad über die Steine dort tragen.

Jetzt kapiere ich, was hier läuft: Die Busse sind genau bis zur 2. Stelle gekommen, haben dort gedreht und kommen jetzt nicht mehr über erstere, matschige Steilkurve hinweg. Deshalb versuchen die Männer, den Weg mit dicken Steinen zu ebnen. Aber auch bei diesem Versuch drehen die Räder durch. Er hätte am Gas bleiben müssen. Aber bei diesem Abhang gleich 10 cm daneben kann ich verstehen, dass er vorsichtiger fährt. Ich will auch nicht darunter stürzen.

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Hier ist der Camino für uns zu Ende, schaaaade…

So entscheiden wir uns, lieber umzudrehen und denselben Weg wieder hoch zu fahren. Zum zweiten Mal für heute. (MIST!) Aber zweimal den halben Weg ist gleich ein ganzer Camino de la muerte, oder?! Natürlich müssen wir auch wieder unter dem Wasserfall durch. Diesmal gleich unter mehreren. Was geht denn hier ab? Das war eben aber noch nicht so heftig. Jetzt sind wir wirklich nass!

Jeder mit offroad-Erfahrung weiß, dass runter ja noch ganz nett ist, dass aber rauf schon einen Schwierigkeitsgrad mehr bedeutet. Wir müssen mit mehr Geschwindigkeit über die steinige, teilweise nasse und matschige Straße hoch. Plötzlich hängen wir in den Wolken und es fängt an zu regnen. Natürlich beschlägt wieder das Visier und uns kommen Kamikazeradler entgegen. Permanent hupend fahren wir, bei Sichtweite kaum bis zur nächsten Kurve, so langsam wie es geht, hoch und die heizen hier wie bekloppt runter – auch noch auf der falschen Seite. Die sehen bestimmt auch nicht mehr als ich! Mehrfach können sie nur knapp M. ausweichen, fahren in den Wassergraben, bremsen mit blockierenden, querstehenden Rädern oder fallen fast vom Rad. Die Idioten. Kaum einer hat Ahnung vom Mountainbiken, aber alle müssen den Camino fahren. Leute, der heißt nicht umsonst so! Sicherlich haben die jeweiligen Einweiser sie davon in Kenntnis gesetzt, was rechts und links ist und wo sie herzufahren haben. Aber sie rechnen nicht mit Gegenverkehr und benutzen die komplette Spur. Wenn dann plötzlich doch einer kommt, reagieren sie automatisiert und fahren auf die falsche Seite. Wie kann man nur so unvernünftig halsbrecherisch fahren?

Jedenfalls kommen wir doch irgendwann wieder auf die geteerte Hauptstraße. Das Navi sagt, wir haben schon 1000 Höhenmeter bezwungen. Weitere 1600 fehlen und es regnet wie S_ _ . Sorry!  Es lohnt nicht mehr, die Regenhose anzuziehen. Weiter gehts. Es wird kalt und kälter (6 Grad) und der Nebel hört und hört nicht auf. Wenigstens stoppt bisweilen der Regen, aber nur kurzfristig. Zum Glück gibt es nur wenige LKW zu überholen. Die sind aber sooooo langsam bergauf, dass dies kein Problem darstellt. Auf 4300 m schafft es tatsächlich die Sonne durch die Wolken. Es ist gleich einige Grad wärmer und auf der anderen Seite des Passes herrscht anderes Wetter. Zweistellig warm, bewölkt trocken gehts wieder runter nach La Paz. Stimmt, da war noch was! Der Verkehr nimmt wieder zu und wird wieder chaotischer. Aber wir haben uns mittlerweile dran gewöhnt und schwimmen ganz gut mit.

Man muss wissen, dass Warnblinkanlage „ich ziehe jetzt an den rechten Rand und halte da!“ heißt und sollte tunlichst die Büs-chen durchlassen. Außerdem muss man hupen, wenn man an einem vorbeifährt, sonst nimmt der einen nicht ernst und zieht quer in die Lücke rein, die du dir gerade auserkohren hast. Sie fahren auch einfach los, langsam zwar, aber stetig. So kommt der erste noch zügig dran vorbei, der zweite muss schon Gas geben und einen Bogen fahren, aber der dritte muss die Lücke lassen. Will der aber auch noch vorbei, so wird gehupt und der Anfahrende reiht sich hinter ihm ein. Will einer links abbiegen, so braucht man keine Ampel. Man tastet sich mehr und mehr in die Kreuzung. Irgendwann ist man soweit im Querverkehr drin, dass der anhalten und einen vorbeilassen muss. Stockt es, so lässt man doch irgendwo eine Lücke, damit der Verkehr wieder fließen kann, auch wenn man normalerweise keinen cm zu verschenken hat. Für mich immer wieder erstaunlich, wie sich Knoten wieder auflösen.

Wir bleiben noch eine weitere Nacht hier im Hostal. Die Unterkunft ist ok. Wir haben ein großes 3-Bett-Zimmer mit Internet und es soll eh morgen regnen. Vielleicht fahren wir mit dem Telerifico amarillo (einer Kabinenbahn) rauf. Wir haben sie beim Hereinkommen von El Alto gesehen, konnten aber keinen Photostopp einlegen. Mal sehen….

VGB

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